Wien, Leopoldstadt

 

Wagt man sich als Nicht-Städter einen Tag lang durch die Wiener Innenstadt um durch die Einkaufsstraßen zu bummeln und sich auf ganz entspannte Weise in den Begegnungszonen zu begegnen – wobei man sich dann doch nicht sicher ist wo man wem begegnen darf, sich lieber in den Rest der Masse eingliedert und an den Gebäuden entlang schiebt, bis man schließlich panisch in die U-Bahn flüchtet um sich dort klaustrophobisch wieder an die Erdoberfläche zu wünschen – darf man eines nicht vergessen: einen Besuch in einem echten Wiener Kaffeehaus!

 

Nicht nur um nostalgisch bei einem viel zu süßen Stück Sachertorte dahinzuschmelzen, und die vorher erlebten Stresssituationen mit ausreichend Zucker zu verdauen – nein – auch für den Instagram Feed ist ein fesches Sacher-Selfie-törtchen aus einer der verbliebenden Traditionsstätten äußerst empfehlenswert.

 

Doch auch für Alltagswiener kann Kaffeetrinken zum Tageshighlight werden.

Denn abgesehen von den fast schon kitschigen Touristenverluststellen der Inneren Stadt, entfaltet sich die Kaffeehauskultur Wiens in den Bezirken auf recht abenteuerliche Weise.

 

Ich habe in letzter Zeit einige dieser vermeintlichen Kulturstätten entdeckt.

Jede war auf ihre Art so grandios, sodass mir nichts anderes übrigbleibt, als einen Wiener Kaffeehausguide zu erstellen, in dem jeder bestimmt den passenden Ort für sein Sonntagspläuschchen findet!

 

Heute im Programm: Kaffeehauskette mit charmanter (Selbst-)Bedienung in der Leopoldstadt!

 

Dieser Tipp richtet sich vor allem an jene Leute, die sich selbst schon immer mal in der Gastronomiebranche versuchen wollten. Bestellungen aufnehmen, Speisen erklären, Rechnungen zusammenstellen – das Segafredo am Praterstern bietet dir alles!

 

Manche mögen jetzt zweifeln, ob der Praterstern als empfehlenswerter Aufenthaltsort gilt? Doch wo sonst bekommt man als Kulturliebhaber gleichzeitig allerlei zu sehen, hören und riechen?

 

Wie dem auch sei, ich war mit zwei Freunden in der Nähe unterwegs, als uns die Kaffeelust überkam. Aida war zu meinem Bedauern geschlossen und obwohl ich mich schon gefreut hatte ins Paralleluniversum der zartrosa Röckchen und Hemdchen einzutauchen und ein sorgenfreies Leben zwischen heißer Schokolade und Buttercroissant zu beginnen, mussten wir das Kaffeeabenteuer ins Segafredo verlegen.

 

Ein Platz war bei der großen Anzahl an freien Tischen schnell gefunden, trotzdem verstrich einige Zeit bis uns die Kellnerin dort besuchte. Vermutlich lag es daran, dass sie uns durch den Smog aus Zigarettendunst nur schwer verfolgen konnte. Oder sie war es nicht gewohnt, dass Leute tatsächlich gekommen waren um etwas zu konsumieren und nicht, um sich vor der Kälte oder Regen oder dem Dealer zu verstecken.

 

Die arme Frau war ganz verwirrt, als ich vom Tisch aufstand, um mir die in der Vitrine ausgestellten Kuchen und Torten anzusehen – etwas, dass sie selbst offensichtlich noch nie getan hatte. Denn als ich bei ihrem Besuch an unserem Tisch eine Kardinalschnitte orderte, sah sie mich erst einige Sekunden verdutzt an, um dann wenig später den Geistesblitz des Jahrhunderts zu erleben.

Ah!! Sie meinen Dorrrte!?!

rief sie mit slawischem Akzent. Ja, ich meinte Dorrte. Und mit „Kommen Sie – zeigen Sie mir!“, forderte sie mich auf, gemeinsam vor die mysteriöse Vitrine der Dorrten und Guuchen zu treten.

 

Als ich auf das Stück Torte zeigte, neben dem ein mit Kardinalschnitte betiteltes Kärtchen stand, fragte ich mich, ob die gute Frau nun eine Zeichnung des auserwählten Stücks auf ihren Block kritzeln oder vielleicht ihr Smartphone zücken würde um ein Photo zu machen.

Wie auch immer sie es löste, am Ende hatte ich einen Teller inklusive Dorrte vor mir stehen und diese war sogar essbar. Genießbar wäre eine Übertreibung, aber angesichts der Umstände war ,,essbar‘‘ doch ein ganz gutes Ergebnis.

 

Bei der Rechnung brachte die charmante Bedienung dann sogar noch ihre Kreativität ins Spiel und hätte ich nicht zufällig meinen Abakus dabei gehabt, wäre mir der Fauxpas beinahe entgangen.

 

Alles in allem also ein empfehlenswerter Ort für Leute, die am Sonntag eigentlich lieber zu Hause geblieben wären um sich dort selbst zu bedienen!


Aus der Reihe: Ich bin ein Mensch – Holt mich hier raus!

Haha witzig. Aber wahr.
Es gibt Situationen im Leben, da passt dieser hoch literarische Spruch einfach viel zu gut.
Wien – eine wunderbare Stadt in der ich allerlei – nennen wir sie „interessante“ – Erlebnisse habe, bei denen ich keinen anderen Ausweg sehe, als sie schriftlich festzuhalten und mich dabei traumhaft gut selbst zu unterhalten.

Falls ich euch mit der einen oder anderen Geschichte zum Lachen bringen kann, freut mich das natürlich sehr! Also viel Spaß beim Lesen!

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