Wien, Innere Stadt

Was macht man mit Mitte 20 Ende Jänner vor dem Audimax?

Richtig, auf die STEOP-Prüfung warten! Weils ja im Leben sonst zu langweilig und die Panik vor dem Für-immer-und-ewig-im-Berufsleben-gefangen-sein zu groß wäre, hab ich mich im Herbst entschieden, noch ein Studium anzufangen.

 

Englisch sollte es diesmal sein.

Die Vorlesungen zur Studieneingangsphase, kurz und knackig STEOP, konnte ich dann zwar nur spärlich besuchen, weil man ja doch irgendwie Geld verdienen muss, aber immerhin war „Studentenrabatt“ wieder unter den Top 10 meiner Lieblingsworte und auch das Semesterticket für die Wiener Öffis bekam einen Ehrenplatz in meinem Kontoauszug.

 

So zwängte ich mich also mehr oder weniger gut vorbereitet Freitag Früh durch die Flyer-verteilenden verlorenen Seelen vor der Hauptuni und überlegte, wie viele Kästchen ich richtig ankreuzen musste, um die Mindestanzahl von 60% zu erreichen.

 

Vor dem Audimax hatten sich schon einige Erstsemester angesammelt und warteten nervös auf die Stunde der Wahrheit.

 

Nachdem die Anglisten eine besondere Prüfungsprozedur vollziehen, welche unter anderem auch als „Wie-im-Kindergarten“ bekannt ist, musste ich erst einmal Jacke, Tasche und vor allem Handy in einem Spint verstauen.

Alles andere wäre selbstverständlich cheating und ein automatischer Fail. Es würde also meine erste Prüfung werden bei der ich mich anstatt des Telefonjokers an das Publikum wenden müsste.

 

Während ich meine Sachen in eines der Kästchen räumte, gaben sich neben mir drei Mädels noch die letzten Tipps:

Die Queen ist mit ihrem Cousin dritten Grades verheiratet!! Die sind verwandt, stell dir das vor! Dritten Grades halt, aber schon verwandt!!

Ich glaube es beunruhigte mich mehr, dass sich die Arme noch nie über die überdurchschnittliche Attraktivität des britischen Kronprinzen gewundert hatte, als dass sie „Habsburger“ scheinbar dem McDonalds Ein-Mal-Eins zuordnete.

 

Obwohl ich sehr gerne dem vielversprechenden Gespräch weiter gefolgt wäre, war mir ohne Jacke recht kalt, weshalb ich mich zu einem Heizkörper am Ende der Spintreihe stellen wollte.

 

Was ich von der anderen Raumseite vorher jedoch nicht sehen konnte, war, dass – zwischen Spint und Heizkörper gedrängt – eine weitere Studentin stand, die mit bleichem Gesicht und pulsierender Halsschlagader panisch zwischen mir und ihren fest umklammerten Mitschriften hin und her blickte.

Nachdem ich nicht verantwortlich dafür sein wollte, dass die Ärmste es nicht einmal in den Prüfungssaal schaffte, überließ ich ihr den Heizkörper und suchte mir ein Plätzchen vor dem Audimax.

 

Dort liefen schon die ersten Nervöslinge mit ihrem noch knitterfreien Studentenausweis in der Hand auf und ab und suchten verzweifelt nach der Tür, die mit dem Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens gekennzeichnet war.

Offensichtlich war das bei den Anglisten so etwas wie die Vorausscheidung zur eigentlichen Prüfung: zur Prüfung anmelden, richtige Tür finden, Studentenausweis mitbringen!

Immerhin können ca. 8% der Prüfungsbögen jährlich durch verwirrte oder verirrte Studenten gespart werden.

 

Als dann endlich die Türen geöffnet wurden, reihte ich mich in die Schlange meiner Tür ein und zückte meinen Ausweis, der mit dem blauen Schriftzug „Duplikat“ etwas traurig neben den noch frischen, in Schutzfolie gehüllten Erstsemester-Ausweisen aussah. Einmal mehr fragte ich mich, welche Abenteuer mein Originalausweis seit unserer mir unerklärlichen Trennung vielleicht gerade erlebte…

 

MOBILE!?!?!

riss mich einer der hobbylosen Tutoren aus meinen Gedanken und ich brauchte einen Moment, um mich wieder zu sammeln und ihm zu verstehen zu geben, dass ich kein Handy bei mir trug, als schon der nach mir eintretende Prüfungskandidat dasselbe Wort ins Gesicht geschnalzt bekam.

Tutoren… ein seltsames Völkchen, dem niemand mitteilte, dass man in der Freizeit die Uni verlassen darf.

 

Nachdem schließlich all jene, die es ins Audimax geschafft hatten, vor einem Prüfungsbogen platziert waren und offensichtlich niemand jemals wieder ein „MOBILE!!“ anfassen würde, folgte ein detaillierter Vortrag über das richtige Ausfüllen des Antwortbogens und dann wurde es ernst.

Name, Matrikelnummer und Unterschrift konnte ich Gott sei Dank in meinem Studentenausweis nachlesen, jetzt mussten nur noch 60% der Kreuze an der richtigen Stelle landen. Ene, mene, muh…


Aus der Reihe: Ich bin ein Mensch – Holt mich hier raus!

Haha witzig. Aber wahr.
Es gibt Situationen im Leben, da passt dieser hoch literarische Spruch einfach viel zu gut.
Wien – eine wunderbare Stadt in der ich allerlei – nennen wir sie „interessante“ – Erlebnisse habe, bei denen ich keinen anderen Ausweg sehe, als sie schriftlich festzuhalten und mich dabei traumhaft gut selbst zu unterhalten.

Falls ich euch mit der einen oder anderen Geschichte zum Lachen bringen kann, freut mich das natürlich sehr! Also viel Spaß beim Lesen!

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