Wien, Hietzing

In der ersten Juliwoche einen Vormittag vor dem Schloss Schönbrunn zu verbringen, ist all jenen zu empfehlen, die mehr Theater erleben wollen, als Romy Schneider in der gesamten Sissi Trilogie darbieten konnte.

Denn richtig, das Max Reinhardt Seminar hat wieder Aufnahmeprüfung. In aller Herrgottsfrüh tummeln sich angehende Schauspieler/-innen und hoffnungsvolle Talentlosigkeiten vor dem Schlosstheater und warten aufgeregt darauf, ihr Können unter Beweis zu stellen.

 

Da die jungen Künstler den größten Teil des Tages mit Warten auf den großen Moment verbringen durften, ergaben sich vor dem Schloss allerlei spektakuläre Darbietungen.

 

Den Anfang machte eine Gruppe von zirka 20 Bewerbern, welche sich im Kreis aufstellten und wie Lemminge den Ansagen eines, meiner Meinung nach sehr verwirrten, jungen Mannes folgten. Nach ein paar mehr oder weniger merkwürdigen Lockerungsübungen konnte man eindeutig erkennen, dass hier Schauspielkunst vor sich ging. „Wir traben!…. Wir springen!….“, gab der Verwirrte vor. Und die Lemminge trabten und sprangen, als ginge es um die Hauptrolle in einem Black Beauty Spin-off.

 

Diese Aktion schien nicht nur mir etwas schräg vorzukommen. Eine uniformierte, japanische Schulklasse hielt ihren zielorientierten Marsch an und wunderte sich, ob sie den Eingangsbereich zum Tiergarten schon überschritten hatte. Ein Rudel junger Wiener in freier Wildbahn. Knips, Knips.

 

Ein Stückchen weiter weg saß auf einer Bank ein blonder Schönling und rezitierte aus einem kleinen, gelben Reclam Heft. „W. Shakespeare. Romeo und Julia“, stand in schwarzen Buchstaben drauf. Da hatte jemand sehr tief im Pool geeigneter Vorsprechrollen gegraben. Der Schönling würde auf jeden Fall einen Kreativitätspunkt von der Jury erhalten und wenn er Glück hatte, könnte sich sogar einen Mit-mach-Preis ausgehen. Immerhin konnte er seinen Text, wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass es nicht die Figur des Romeos war, die er lautstark vor sich hin plärrte.

 

Am unterhaltsamsten fand ich jedoch eine Gruppe deutscher Bewerber/-innen, welche sich mit einer Gitarre und ein paar Dosen Ottakringer in der Wiese niedergelassen hatten. Sie waren offensichtlich die Einzigen, die das Business verstanden hatten. Außerdem waren sie auch musikalisch sehr talentiert, denn sie schmissen einen Song nach dem anderen aus dem Ärmel. Während die ersten Nummern aus Versen wie „Die Welt ist schön. Schön ist es auf der Welt zu sein“ bestanden und eher sanfte, entspannte Rhythmen in sich hatten, wurde der Ton bald aggressiver. Es ließ sich schließlich nicht vermeiden den Nummer eins Hit

Max Reinhardt is’n sexy Boy

zu schmettern, bei dem die Emotionen nicht mehr im Zaum gehalten werden konnten.

Passanten sowie Mitbewerber, Lemminge und Japaner, alle stimmten ein und feierten Max Reinhardts Attraktivität. Clooney, Pitt, Depp? Never heard that one before.


Aus der Reihe: Ich bin ein Mensch – Holt mich hier raus!

Haha witzig. Aber wahr.
Es gibt Situationen im Leben, da passt dieser hoch literarische Spruch einfach viel zu gut.
Wien – eine wunderbare Stadt in der ich allerlei – nennen wir sie „interessante“ – Erlebnisse habe, bei denen ich keinen anderen Ausweg sehe, als sie schriftlich festzuhalten und mich dabei traumhaft gut selbst zu unterhalten.

Falls ich euch mit der einen oder anderen Geschichte zum Lachen bringen kann, freut mich das natürlich sehr! Also viel Spaß beim Lesen!

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