Thomas kennt die Frauen. Er kennt sie gut. Vielleicht nicht alle, aber so zirka 95 Prozent bestimmt. Er weiß, wie Frauen ticken. Was Frauen wollen. Wonach Frauen suchen. Bei Männern. 

Schon einmal etwas von Pick-Up gehört? Männer, die Frauen mit Hilfe von speziellen antrainierten Techniken ansprechen, kennen lernen oder sogar verführen? Ich habe den Flirt- und Beziehungscoach Thomas zum Gespräch getroffen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Daraus ist sowohl ein Portrait zum Lesen, als auch eines zum Anhören entstanden.

Bonus in der Audioversion: ein Talk mit meiner Kollegin Winnie Wendelin, in dem wir über unsere Begegnungen mit Pick-Up-Artists auf der Straße plaudern und ich ein paar Hintergrundinformationen zu meinem Gespräch mit Thomas preisgebe.

 

Eine Frau kriegst du, wenn du Gefühle ansprichst

Thomas kennt die Frauen. Er kennt sie gut. Vielleicht nicht alle, aber so zirka 95 Prozent bestimmt. Er weiß, wie Frauen ticken. Was Frauen wollen. Wonach Frauen suchen. Bei Männern.

„Flirt und Beziehungs Coaching“ steht in dicken Lettern auf der Visitenkarte. Vermutlich hat Thomas sie in seinem Druckershop selbst hergestellt. Neben Druckgeräten, Papier, Patronen und sonstigem Zubehör gehören nämlich auch Visitenkarten zum Angebot.

Im hinteren Teil des Geschäftes ist ein kleines Büro. Zigarettendunst liegt in der Luft des fensterlosen Raumes und mischt sich beim Betreten mit dem süßlichen Geruch des Energy-Drinks, der aus der offenen Dose am Schreibtisch steigt. Thomas sitzt an seinem Schreibtisch und blättert in einem Buch. „Tinder Gott“, lautet der Titel. Auf seinem Computerbildschirm ist das Profil einer jungen Frau derselben App geöffnet.

„Ich bin kein Freund vom Online Dating“, seufzt er. „Du kannst deine Mimik, deine Gestik, deine Körpersprache nicht einsetzen.“

Als Thomas sich das erste Mal mit dem Thema Flirten intensiver auseinandergesetzt hat, war die Partnersuche im Netz noch weit weniger populär. Damals war er gerade 27, noch unverheiratet und hatte mit Pick-Up sowieso nichts am Hut. Pick-Up? Damit ist nicht etwa ein Klein-Transporter gemeint, sondern bestimmte antrainierte Verhaltensweisen und psychologische Methoden zur Verführung von vor allem Frauen. Ist man geübt, darf man sich sogar als Pick-Up Artist bezeichnen.

Ein Freund aus München hatte Thomas damals gefragt, ob er nicht seine österreichischen Kunden übernehmen wolle.

„Hä was? Flirttrainer? Bledsinn!“

antwortete der Wiener im ersten Moment. Heute ist Thomas 39, seit einem Jahr geschieden und gerade dabei, seine Coaching Aktivitäten wieder aufzunehmen.

Thomas trainiert vor allem andere Männer, wobei auch ab und zu Frauen seinen Rat suchen. Fünf bis zehn Prozent, schätzt Thomas, seiner KundInnen sind weiblich. Trotzdem weiß Thomas genau, wonach Frauen suchen: starke Männer, Leader, Alpha Tiere. Von den sozialen Medien bekämen Frauen vermittelt, ein Mann müsse Humor haben, gleichzeitig weinen können und sich um den Haushalt kümmern.

„In Wahrheit folgen sie aber dem Urinstinkt aus der Steinzeit und suchen einen Mann, der den Tiger erschlagen, die Kinder beschützen und die Familie ernähren kann, ja?“

Beim Erzählen dreht sich Thomas vom Schreibtisch weg und beugt sich vor, die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt. Sein grauer Anzug ist eng geschnitten, das dunkelblaue Hemd oben aufgeknöpft. Gerade soweit, dass der Ansatz einer glatten, für Ende November überdurchschnittlich braun gebrannten Brust zu sehen ist. Die dunkelbraunen Haare trägt er kurz und leicht zurück gegelt. Thomas versucht den Eindruck zu erwecken, er wisse wovon er spricht. Das „Ja?“ am Ende jedes Gedankens sucht nach Bestätigung beim Gegenüber. Verstehst du was ich meine? In einer Unterhaltung hält er Augenkontakt. Immer. Weder beim Zuhören, noch bei der Formulierung einer Antwort weicht sein Blick aus.

Es macht ihm Spaß, Menschen zu helfen. Das Ziel seiner Arbeit als Coach ist, langfristige Beziehungen zu schaffen. „Ich lege vor allem Wert darauf, den Leuten beizubringen etwas offener zu werden, auf Menschen zuzugehen, Körpersprache, entspannt zu wirken, interessant.. also Anziehung zu erzeugen.“ Thomas hat dazu ein System von drei Schritten: Optik, Theorie und Praxis.

„Ich sage zum Beispiel ‚Hast du dir schon einmal überlegt die Zähne zu bleachen?‘ oder ‚Was, wenn du dir eine neue Frisur zulegst?‘“

Praktisch, dass Thomas auch ein Kosmetikstudio besitzt.

Schritt zwei ist da schon etwas komplexer. Die Theorie: Pick-Up. Wie sind Frauen gestrickt? Wie spricht man sie am besten an? „Dafür teilen wir Männer als auch Frauen in gewisse Kategorien ein. Wir sagen high self esteem und low self esteem und low sex drive und high sex drive.“

Frauen mit niedrigem Selbstwertgefühl seien dabei von vornherein für eine Partnerschaft auszuschließen – schließlich will man sich nicht mit einer Drama Queen oder gar Borderline Patientin herumschlagen. Für One-Night-Stands jedoch super.

Fürs Ansprechen und vor allem, um dabei Anziehung zu erzeugen, hat Thomas mehrere Tricks auf Lager. Zum Beispiel Push and Pull. „Push and Pull heißt ich mache dir ein Kompliment und gleichzeitig beleidige ich dich.“

Zweck der Sache ist, in der Frau positive als auch negative Gefühle in kurzer Zeit auszulösen. Denn – Frauen genießen ihre Gefühle, auch die negativen. Oder man stellt eine der 36 Verbindungsfragen nach Arthur Aron, wie zum Beispiel „Wie würde der perfekte Tag für dich aussehen?“ Dann gibt es noch Rapport – also das zu wiederholen, was die Frau antwortet. Der Gedanke dahinter ist ebenfalls, so viel Emotion wie möglich zu erzeugen.

„Eine Frau kriegst du, wenn du Gefühle, Gefühle, Gefühle ansprichst“

weiß Thomas. Schließlich hat er drei Jahre lang Psychologie studiert.

Wichtig ist außerdem die Körpersprache. „Berühren, berühren, berühren.“ Vom leichten Schulterklopfen bis zum Nehmen und Führen der Hand. Scheinbar spontane Bewegungen sind genau trainiert.

Wer schon geübt ist, kann sich auch dem neuro-linguistischen Programmieren bedienen und Stichworte wie „Geborgenheit“ oder „Wärme“ in eine Unterhaltung einstreuen um gewisse Anker bei der Frau zu setzen.

„Das ist dann hartes Pick up und das geht dann richtig in Manipulation, was ich meinen Kunden nicht empfehle. Also wenn sie es unbedingt wollen, dann erzähle ich ihnen kurz wie es geht, aber es ist nicht das, was ich eigentlich unterrichten möchte.“

Der Praxis Teil ist eigentlich selbsterklärend: das Gelernte umsetzen. „Ich gehe mit ihm ins Einkaufszentrum, oder U-Bahn oder Mariahilfer Straße. Und dann sag ich ‚So und jetzt sprich die an.‘“ Körbe zu bekommen, ist dabei ganz normal. Auch das hilft den Kunden selbstbewusster zu werden. Je mehr Übung man schließlich hat, desto entspannter wird man und desto mehr Erfolge kann man nachweisen. „Wenn jetzt irgendein durchschnittlicher Mann zwanzig Frauen anspricht, wird er wahrscheinlich von einer bis zwei die Telefonnummer bekommen. Jemand, der im Pick-Up geübt ist, bekommt sicher Dreiviertel davon.“

Manchmal unterstützt Thomas auch andere Mitglieder der Pick-Up-Community als Wingman. Hauptaufgabe des Wingman ist zu separieren. „Wenn eine Frau in einer Gruppe ist, hilf der Wingman quasi ablenkend, also indem er mit den anderen spricht.“ Der Wingman kann aber auch genutzt werden um direkt nach einem Pick-Up Versuch Feedback zu geben.

Ein schlechtes Gewissen hat Thomas nicht, wenn er mit diesen Techniken erfolgreich ist. Er lehnt sich in seinem Rollsessel zurück und zieht an einer Gauloises Zigarette:

„Ich habe Spaß in der Beziehung und die Frau hat Spaß in der Beziehung. Keiner trägt Schaden davon.“

Irgendwann wurde es außerdem intuitiv. Thomas entscheidet sich nicht mehr, eine gewisse Technik anzuwenden. Er tut es einfach. Er denkt nicht darüber nach, was er sagen könnte. Er gibt sich selbstbewusst. Er überlegt nicht, ob er sein Gegenüber berühren soll. Er lässt seine Fingerspitzen beim Aufzählen seiner Tipps einfach an dessen Knie tippen.

Beitragsbild: ©[Marina Stroganova] via pixabay